GASTWIRT Ausgabe 2019 | 07

W E I N Die Leiden des jungen Weinkolumnisten B leistift, Papier und Bücher sind das Schießpul- ver des Geistes“, schrieb der berühmte Medien- wissenschaftler Neil Postman. Was für ein Satz! Demnach müssten Bleistift, Papier und einige Weinproben doch mehr als genug Explosionskraft für eine Weinkolumne entfachen... Als mich Sissy Waxmund vom GASTWIRT fragte, ob ich Lust hätte, meine wie sie sagt „Weinphilosophiererei“ auf Papier zu bringen und zu ver- öffentlichen – zugegeben: es soll schon vorkommen, dass meine Schwärmerei bei einem Gläschen oder zwei etwas ausufert – war das Balsam für meine Seele… Zugestimmt und abgemacht – bloß: wo anfangen? Gibt es doch so viele spannende Geschichten über Wein zu erzählen. Gut, dass ich mich bereits mit dem von mir sehr geschätz- ten Manfred Klimek, meinem Vorgänger bei Mayer und Freunde, verabredet hatte, um nach Illmitz zu fahren. Die ideale Gelegenheit, mir Inspiration zu holen von einem, der weiß wie’s geht … Der Plan: Erst plaudern, dann ein biss- chen verkosten. Die beschauliche Bahnfahrt steht in krassem Gegensatz zum Zeitraffer, in dem mir Manfred sein Leben erzählt: Von der Kelterung seines ersten Jahrgangs Kappa Rosso Toscana Andreas Lux Da die Innsbrucker Nordkette eine eher unwirtliche Umgebung für Wein bietet, zog es den Tiroler Andreas Lux nach Wien, wo er seine Ausbildung zum Diplom Sommelier startete. Heute ist er ist Sommelier im Feinkost & Bistro Mayer & Freunde in der Wiener Innenstadt. Für den GASTWIRT hat er sich auf die Suche nach spannenden Weingeschichten gemacht. zu seinen Anfängen als Fotograf, weiter über seine Tätigkeit als Redakteur bei der Welt am Sonntag und hin zu seiner Zeit als Chefredakteur beim Weinmagazin Schluck. Als wir endlich Illmitz erreichen, ist mir schwindlig – habe ich mir die Messlatte als designierter Weinredakteur zu hoch ge- legt? Doch für Zweifel bleibt jetzt keine Zeit – wir nähern uns schon dem Eingangstor zum Weinlaubenhof Kracher. Gerhard Kracher hat zur Jahrgangspräsentation geladen, zur sechzigsten. Gerhard Kracher, der sein Weingut mit Ehefrau Yvonne bereits in 3. Generation bewirtschaftet, hat sich nicht lum- pen lassen: Der Hof ist frisch frisiert, hat seinen Sonntags- anzug an. Die Menge lechzt nach Wein und schiebt sich nervös durch die Essensstände, bildet Trauben um die Gastwinzer, die Flasche um Flasche in die durstigen Be- cher leeren. Fachkundig im Glas gerollt, bestaunt, berochen und schließlich verschlungen wird der Wein. Wir mitten- drin. Manfred grüßt, wird gegrüßt, stellt mich vor, scheint hier jede und jeden zu kennen. Hier wird es ein Leichtes sein, einen Aufhänger für meine Geschichte zu finden, bin ich überzeugt. Wir trinken mit Ernst Loosen, der seit 1998 das berühm- te Weingut Dr. Loosen an der Mittelmosel lenkt, einen herr- lichen Riesling Wehlener Sonnenuhr Kabinett 2018. Was für ein Vergnügen! Elegante Säure, die Süße keinesfalls auf- dringlich, rauchig – ein mineralisch dominiertes Panscherl aus Kernobst mit exotischen Fachkollegen. Bei Erich Krutzler vom Weingut Pichler Krutzler gibt‘s als nächstes schon was Kräftigeres, einen Riesling Pfaffen- berg alte Reben 2015. Gleiche Rebsorte wie bei Dr. Losen, ganz anderer Wein: Wachau, höher im Alkohol als der leich- te Kabinett. Das wär doch ein schönes Thema für meine Kolumne: wie unterschiedlich Riesling doch sein kann. Je nach Klima elegant, finessenreich, barock opulent. Je nach Bodenbeschaffenheit staubig, mineralisch, nach nassem Stein, Quitte oder Grapefruit schmeckend. Mit dem Alter kommen noch petrolige Töne, Walnussgeschmack, Ho- nig und vieles mehr dazu. Eine Welt für sich, der Gedanke ist notiert. Krutzlers Riesling hat jedenfalls noch ein langes Leben in Schönheit vor sich. Schön auch der Lebensweg, den Erich Krutzler und Manfred Klimek gemeinsam bestrit- ten haben: Beide haben schon ein bisserl er- und gelebt, necken sich ob ihres dezenten Bäucherls und schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen. Sie sind miteinander beschäf- tigt, gut so, meine Wampe bleibt unentdeckt. Gastwirt 2019 / 07 „

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