INTERNATIONALER HOLZMARKT Ausgabe 2020 | 01

www.holzmarkt-online.at 2/2020 18 Energieträger Holz Kein Silberpellet Führende Wissenschaftler warnen : Holzpellets sind eine Bedrohung für das Klima Die Verbrennung von Holzbiomasse zur Strom- und Wärmeerzeugung wird in Europa als eine wichtige Lösung zur Erreichung der Klimaziele propagiert. Aber vor allem Holzpellets setzen pro Kilowattstunde mehr CO 2 frei als Kohle, wie eine Reihe von Berichten des Wissenschaftsbeirats der Europäischen Akademien (EASAC) zeigt. „Holzpellets sind kein Wundermittel, um Strom und Wärme zu liefern, ohne zum Klimawandel beizutragen. Auch wenn die EU und die nationale Politik Anreize für deren Einsatz in großem Maßstab schaffen“, sagt Prof. Lars Walloe, Vorsitzender des Umweltprogramms von EASAC. „ H ört auf die Wissenschaft“ lautet der Kampfruf der Fridays-for-Future Be- wegung. Und während die Klimakonferenz in Madrid dem Ende zugeht, wird mit jedem Tag klarer: Sowohl die Realität des Klimawandels als auch die Suche nach technologischen Lösungen, um einen weiteren Anstieg der globalen Temperatur noch zu verhindern, werden immer verzweifelter. Nun warnen die Europäischen Nationalen Akademien der Wissenschaften vor den gravierenden Diskrepanzen zwischen Stand der Wissenschaft und realer Politik, wenn es um Biomasse geht. „Wenn wir das Klima noch retten wollen, gibt es keine Alternative dazu, die Verbrennung von Kohle und anderen fossilen Energieträgern zu stoppen. Aber wir haben auch immer wieder darauf hingewiesen, dass die groß angelegte Substitu- tion von Kohle durch Holzbiomasse in vielen Fällen den Klimawandel beschleu- nigt und das Risiko erhöht, dass die Pariser Klimaziele nicht erreicht werden. Der Grund dafür ist einfach: Wenn Wälder abgeholzt und als Bioenergie genutzt werden, gelangt der gesamte Kohlenstoffgehalt der Biomasse sehr schnell in die Atmosphäre, wird aber von neuen Bäumen jahrzehntelang nicht wieder aufge- nommen. Das steht im Widerspruch zur Dringlichkeit, die Klimakrise zu bekämp- fen“, sagt EASACs Prof. Michael Norton, Direktor des EASAC-Umweltprogramms. Mehr Schaden als Nutzen Trotz vieler wissenschaftlicher Warnungen verschließen die UN-Regeln zur CO 2 - Bilanzierung die Augen vor den Klimaauswirkungen der Rodung von Wäldern, um sie zu verbrennen. In Übereinstimmung mit den UN-Vorschriften, betrachten die 2018 überarbeiteten EU-Richtlinien für erneuerbare Energien und das EU-Emis- sionshandelssystem (ETS) die Biomassenutzung als CO 2 -neutral. „Das erweckt bei Energieverbrauchern und politischen Entscheidungsträgern einen falschen Eindruck, und diese Lücken müssen schnell geschlossen werden“, fügt Michael Norton hinzu. „Das Konzept der Klimaneutralität der Holzbiomasse mag im Jahr 2009 eine gewisse Gültigkeit gehabt haben, als die Dringlichkeit der Bekämpfung der glo- balen Erwärmung noch nicht so gesehen wurde. Die Idee war schlicht, dass bei der Wiederaufforstung so viel CO 2 aus der Atmosphäre entfernt wird, wie bei der Verbrennung freigesetzt wird. Aber der Fokus liegt heute auf der Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 oder 2°C. Dies erfordert dringende Maßnahmen - wir können nicht darauf warten, dass neue Bäume nachwachsen, während bei der Verfeuerung der Biomasse große Mengen an Kohlenstoff in die Atmosphäre ge- pumpt werden“, so Michael Norton. Die hohen Subventionen für erneuerbare Energien, die in einigen EU-Mitglied- staaten zur Verfügung gestellt werden, haben zu einem enormen Anstieg der Nutzung von Holzbiomasse geführt - einschließlich des Ersatzes von Kohle in Großkraftwerken durch Importe, zum Beispiel aus den USA, Kanada und anderen europäischen Ländern. Das Abholzen von Wäldern zur Herstellung von Holzpel- lets, die über Tausende von Kilometern transportiert werden, wurde in einem Um- fang von vielen Millionen Tonnen pro Jahr industrialisiert. COP25 – „Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“ Ein kritischer Faktor bei der Nutzung von Biomasse ist die so genannte Carbon Payback Periode, also die Zeit, die neue Bäume benötigen, um den bei der Ver- brennung freigesetzten Kohlenstoff wieder aufzunehmen. Die Verbrennung von Holzbiomasse ist keineswegs klimaneutral, sondern setzt während der Carbon Payback Periode, die für die wichtigsten Bäume zwischen 50 und 100 Jahren liegt, CO 2 in die Atmosphäre frei. Das muss man berücksichtigen, wenn man beurteilen will, wie das Ziel der Begrenzung der Erwärmung auf maximal 1,5 Grad erreicht werden kann. EASAC zufolge müsste in den Nachhaltigkeitskriterien für Biomas- se eine maximal zulässige CO 2 -Payback Periode festgesetzt werden, die mit dem Pariser Abkommen vereinbar ist. Auf der Konferenz von Madrid war zu sehen, wie sich nationale Regierungen ihrer Erfolge rühmen wollen. Irreführende Regeln für die CO 2 -Bilanzierung er- möglichen es, nationale Emissionen auf dem Papier zu reduzieren, indem man einfach von Kohle (wo Emissionen gemeldet werden müssen) auf importierte Bio- masse (ausgewiesen als Null-Emissionen) umsteigt. „Die energetische Nutzung von Holzbiomasse wird als sprichwörtliche „Silberkugel“ gefeiert, die Politikern, Forstwirten und Energieunternehmen eine Win-Win-Situation beschert, weil die derzeitigen Regeln es erlauben, sie als erneuerbare Energie zu subventionieren. Aber für das Klima ist es, als würde man den Teufel mit dem Beelzebub austrei- ben“, sagt Dr. William Gillett, Direktor des Energieprogramms der EASAC. Was sagen Sie zu diesen Aussagen? Schreiben Sie mir Ihre Meinung an: ulrike.grassl@ggmedien.at EASAC Berichte und Veröffentlichungen zum Thema: Norton, M, Baldi, A, Buda, V, et al. (2019) Serious mismatches continue between science and policy in forest bioenergy. GCB Bioenergy; 11: 1256- 1263. https://doi.org/10.1111/gcbb.12643 EASAC (2019) Forest bioenergy, carbon capture and storage, and carbon dioxide removal: an update. https://easac.eu/publications/details/forest-bioenergy-carbon-capture-and-storage-and-carbon-dioxide-removal-an-update/ EASAC (2018) Commentary on Forest Bioenergy and Carbon Neutrality. https://easac.eu/publications/details/commentary-on-forest-bioenergy-and-carbon-neutrality / EASAC (2018) Multi-functionality and Sustainability in the European Union‘s Forests. https://easac.eu/publications/details/multi-functionality-and-sustainability-in-the-european-unions-forests/

RkJQdWJsaXNoZXIy MjY5MzI=